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Erste Hilfe beim Pferd: strukturierte Sofortmassnahmen im Notfall

5 Min. Lesezeit

Im Notfall am Pferd zählen die ersten Minuten. Wer ruhig und strukturiert vorgeht, kann das Pferd sichern, die Tierärztin alarmieren und Beobachtungen so weitergeben, dass die richtige Hilfe schnell ankommt. Dieser Beitrag zeigt den strukturellen Ablauf der Ersten Hilfe und was die Reitbeteiligung darf, ohne medizinische Empfehlungen zu treffen.

Grundregel: Strukturieren, nicht behandeln

Die wichtigste Regel im Pferd-Notfall: die Reitbeteiligung strukturiert die Lage, sichert das Pferd und beobachtet. Behandlungen sind ausschliesslich Sache der Tierärztin. Das gilt auch für vermeintlich harmlose Hausmittel und für freiverkäufliche Medikamente.

Diese Disziplin schützt sowohl das Pferd als auch die Reitbeteiligung. Wer eigenmächtig handelt, riskiert das Tier zu schädigen und steht im Schadensfall haftungstechnisch schlecht da (siehe Haftungs-Ratgeber).

Der strukturierte Ablauf in fünf Schritten

Dieser Ablauf passt für die meisten Notfallsituationen am Pferd.

Schritt 1: Sichern. Das Pferd in eine sichere Umgebung bringen. Box, Anbinde-Platz, wenn nötig weg von einer Strasse oder einer akuten Gefahr. Kein Pferd ohne Sicherung herumlaufen lassen, vor allem nicht bei Bewusstseinsstörungen.

Schritt 2: Tierärztin anrufen. Erste Telefonnummer wählen, kurz die Situation schildern (welches Pferd, welcher Stall, welche Symptome). Die Tierärztin entscheidet, ob sie kommt, ob sie eine Notfallpraxis empfiehlt oder ob Beobachtung reicht.

Schritt 3: Eigentümerin informieren. Parallel oder direkt danach: kurzer Anruf oder Nachricht an die Eigentümerin. Sie hat das Pferd am besten im Griff und entscheidet über Versicherung, Klinikfahrt und weitere Schritte.

Schritt 4: Beobachten und dokumentieren. Was sieht man? Was hat sich verändert? Atemfrequenz, Verhalten, Schleimhautfarbe, sichtbare Verletzungen. Mit Uhrzeit aufschreiben, idealerweise in Echtzeit per Handy-Notiz oder Foto.

Schritt 5: Sicheres Warten. Bis die Tierärztin oder die Eigentümerin am Stall ist, das Pferd nicht alleine lassen. Beruhigend einwirken, Wasser bei Bewusstsein anbieten, bei Kälte mit einer Decke wärmen.

Was die Tierärztin am Telefon braucht

Eine gute Telefonbeschreibung beschleunigt die richtige Hilfe. Diese Informationen gehören dazu.

  • Wer und wo. Name, Stall, Adresse, Box-Nummer, Telefonnummer für Rückruf.
  • Welches Pferd. Name, Alter, Rasse, allenfalls Identifikation (TVD-Nummer).
  • Was passiert ist. Wann beobachtet, wie hat es angefangen, was ist seitdem passiert.
  • Symptome. Konkrete Beobachtungen statt Interpretationen ("Pferd wälzt sich seit 10 Minuten alle 2 Minuten" statt "Pferd ist krank").
  • Vitalwerte falls bekannt. Atemfrequenz, Herzfrequenz, Schleimhautfarbe, Körpertemperatur (siehe unten).
  • Bekannte Vorerkrankungen. Falls bekannt: Kolikvorgeschichte, Allergien, Dauermedikation.
  • Eigentümerin erreichbar. Ja oder nein, gegebenenfalls deren Nummer.

Auf GST und SVPM werden diese Eckwerte als Standard für die Erstversorgung beschrieben.

Vitalwerte messen: was eine Reitbeteiligung kann

Vier Vitalwerte sind ohne medizinische Ausbildung messbar und für die Tierärztin sehr wertvoll.

  • Atemfrequenz. Anzahl Atemzüge pro Minute. Beim ruhig stehenden Pferd zählt man die Bewegung der Flanke oder der Nüstern. Normal: 8 bis 16 pro Minute.
  • Herzfrequenz / Puls. An der Innenseite des Unterkiefers fühlbar (Arteria facialis). Mit zwei Fingern leicht drücken. Normal: 28 bis 44 Schläge pro Minute beim ruhigen Pferd.
  • Schleimhautfarbe. Maul-Schleimhaut anschauen. Normal: rosa und feucht. Auffällig: blass, gelblich, bläulich, sehr rot, trocken.
  • Körpertemperatur. Rektal mit einem Pferde-Thermometer. Normal: 37.0 bis 38.0 Grad Celsius. Über 38.5 ist erhöht, über 39.5 ist Fieber.

Diese Werte sind keine Diagnose-Werkzeuge. Sie sind Informationen für die Tierärztin am Telefon und am Stall.

Verschiedene Notfälle und ihr struktureller Umgang

Mehrere Notfälle haben typische Verläufe. Die strukturelle Reaktion ist immer ähnlich.

  • Kolik-Anzeichen (Wälzen, Schwitzen, Unruhe, Niederlegen, Aufstehen): Tierärztin sofort rufen. Pferd nicht zwanghaft am Wälzen hindern, aber Bewegung anbieten (im Schritt führen, wenn das Pferd kooperiert). Mehr im Kolik-Ratgeber.
  • Blutung: Druck auf die Wunde mit sterilem Material (Mullbinde, sauberes Tuch). Tierärztin rufen.
  • Lahmheit: Pferd ruhig stehen lassen. Kein Reitversuch. Tierärztin oder Hufschmied (bei Hufproblemen) rufen.
  • Atemnot: Pferd ruhig halten, frische Luft sicherstellen, Tierärztin sofort.
  • Bewusstseinsstörung oder neurologisch: Pferd sichern (nicht alleine lassen), keine Bewegung erzwingen, Tierärztin sofort.
  • Hitzeschlag (bei extremer Hitze): Schatten, Wasser kalt-feucht abreiben, Tierärztin informieren.
  • Verletzung an Auge oder Maul: Keine eigene Behandlung. Tierärztin sofort.

In jedem Fall: erst Tierärztin, dann Eigentümerin, dann strukturiert beobachten.

Erste-Hilfe-Box am Stall

Eine gute Erste-Hilfe-Box am Stall hilft, in den ersten Minuten zu sichern, ohne zu behandeln. Empfohlener Inhalt:

  • Mullbinden und sterile Auflagen
  • Elastische Bandagen für die Erstversorgung
  • Eine Schere mit abgerundeter Spitze
  • Pferde-Thermometer (rektal)
  • Eine warme Decke oder ein grosses Tuch
  • Einmalhandschuhe
  • Eine wasserfeste Notiz mit Tierärztin-Nummer und Notfall-Klinik
  • Stift und Papier (alte Methode, immer funktionierend)

Inhalt und konkrete Marken legt die Eigentümerin oder Stallbetreiberin fest. Die Reitbeteiligung trägt nicht eigenständig Medikamente bei.

Schweizer Notfall-Infrastruktur

Mehrere Anlaufstellen gehören in jeden Stall-Notfallplan (siehe Notfall-QR-Ratgeber).

  • Haustierärztin mit Telefonnummer und Notfallnummer.
  • Regionaler Pferde-Notfalldienst (über die Kantonsverbände oder Swiss Equestrian abrufbar).
  • Nächste Pferdeklinik mit 24-Stunden-Bereitschaft, Distanz und Adresse.
  • Eigentümerin mit zwei Telefonnummern.
  • Stallbetreiberin mit Telefonnummer.

Diese Daten gehören auf das Notfallschild an der Box, nicht erst auf einen QR-Code.

Häufig gestellte Fragen

Was tust du im ersten Moment bei einem Pferd-Notfall? Ruhe bewahren, das Pferd sichern, die Tierärztin anrufen, parallel die Eigentümerin informieren. Erst dann strukturiert beobachten, ohne selbst zu behandeln.

Wann ist sofort die Tierärztin zu rufen? Bei Kolik-Anzeichen, starken Blutungen, akuter Lahmheit, Atemnot, Bewusstlosigkeit, jeder Verletzung mit unklarer Tiefe, jeder neurologischen Auffälligkeit. Im Zweifel immer rufen.

Welche Werte gehören in einen Erste-Hilfe-Bericht? Atemfrequenz, Herzfrequenz, Körpertemperatur, Schleimhautfarbe, Verhalten und beobachtete Symptome mit Zeitpunkt.

Was darf eine Reitbeteiligung im Notfall keinesfalls tun? Eigenmächtig Medikamente verabreichen, Verletzungen selbst nähen oder behandeln, das Pferd ohne Anweisung der Tierärztin transportieren.

Was gehört in eine Erste-Hilfe-Box für den Stall? Verbandsmaterial, sterile Auflagen, elastische Bandagen, eine Schere, eine Decke, ein Thermometer, Einmalhandschuhe, eine Notiz mit Tierärztin-Notfallnummer.

Quellen und weiterführende Informationen

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Stand: Juni 2026